Elementarbaukasten Singleitung


Das Singen ist in eine Krise geraten - eine Krise, die bei genauerer Betrachtung vielleicht weniger schlimm als zuweilen befürchtet, letztlich aber doch äugen- oder vielmehr ohrenscheinlich ist. Zumindest außerhalb des privaten Rahmens hat es seine einstmalige Selbstverständlichkeit (und Unschuld) verlo­ren. Natürlich wird noch immer gesungen (vielleicht sogar mehr als noch vor einigen Jahren), doch die Orte und die Situationen, an bzw. in denen dies geschieht, haben mit dem vergleichsweise sortiert-kulti­vierten (gemeinschaftlichen) Gesang im kirchlichen Kontext wenig gemein. Weder ein Blick auf „Deutsch­land sucht den Superstar" noch auf das Oktoberfest oder in die Fankurve eines Fußballstadions werden Erkenntnisse zu Förderung des Singens etwa im Gottesdienst mit sich bringen. Der Wettstreit um einen Plattenvertrag, der Versuch, die gegnerische Mannschaft mit Schlachtgesängen einzuschüchtern, das von Alkoholkonsum befeuerte Mitgrölen von Schlagermelodien - all dies sind Phänomene, die kaum sinnvoll (und wenn, dann allenfalls bedingt) zu beziehen sind auf unsere kirchenmusikalische Praxis in den Gemeinden. Wirkliche Lehren lassen sich aus Ihnen für das gottesdienstliche Singen wohl nicht zie­hen.

Trotz Karaoke und „Sing Star", trotz des Umstands, dass ein Großteil der uns umgebenden Musik Vokal-und damit gerade gesungene Musik ist, kann man unsere Musikkultur kaum mehr als eine des (Selbst-) Singens bezeichnen. Gleichwohl hat sich die Kirche mit einer gewissen Selbstverständlichkeit und Ei­gengesetzlichkeit als ein Raum des Singens erhalten. Es gibt noch immer eine stattliche Anzahl von Kir­chengemeinden, in denen das gottesdienstliche Singen gut bis sehr gut funktioniert und das gesamte musikalische Spektrum anzutreffen ist, welches das Evangelische Gesangbuch bietet. Auf der anderen Seite jedoch gibt es Gemeinden, die selbst mit (einstmals) bekannten Liedern (und darüber hinaus) offenbar überfordert sind und die nicht selten stumm bleiben, wenn die Orgel zur Begleitung anhebt.

Zwischen den Extremen einer singbegabten Vorzeige- und einer kaum mehr zum Singen fähigen „Prob­lemgemeinde" existieren zahlreiche Schattierungen. Hier wie dort sind jedoch - wenn auch auf unter­schiedlichem Niveau - immer öfter Klagen über ein Nachlassen der Singbereitschaft und Singfähigkeit zu vernehmen. Solche bilden zwar spätestens seit der Aufklärung einen zentralen Topos im kirchenmusika­lischen Diskurs, zumeist jedoch bezogen sie sich eher auf die fehlende klangästhetische Qualität des durchaus kräftigen Gemeindegesangs, während sie mittlerweile vor allem auf das schlichte Maß der sän­gerischen Beteiligung abzielen.

Dennoch gilt: Kirche und Singen, das gehört zusammen - und das sehen nicht nur Binnenkirchliche so. Es gibt demnach viele gute (keinesfalls allein traditionelle) Gründe, am gottesdienstlichen Singen festzu­halten und Anstrengungen dahingehend zu unternehmen, es als Basis der Kirchenmusik zu stärken.

Vielfältig sollten also die Versuche sein, das Singen in der Kirche (im Gottesdienst und an anderer Stelle) zu fördern. Mit dem Ziel, „neue Wege zum Singen in der Gemeinde" zu finden, ist in den letzten Jahren auf Initiative des Musikausschusses der Liturgischen Konferenz die dreiteilige Reihe „Singen bewegt" entstanden. Auf ganz unterschiedliche Weise suchen Christa Kirschbaum („Melodiespiele mit Gesang­buchlieder", Edition Strube 6429), Wolfgang Teichmann („Choral-Groove. Rhythmusspiele und einfache Körper-Begleitrhythmen zu Gesangbuchliedern", Edition Strube 6360) und Siegfried Macht („Gesang­buch-Lieder als Tänze entdecken", Edition Strube 6401) nach solchen neuen Wegen, das Singen als selbstverständliche gottesdienstliche Praxis mit frischen Impulsen zu versehen.

Der vorliegende Band versteht sich nicht zuletzt als eine (elementarisierte) Hinführung zu diesen Zugän­gen, gerade auch im Hinblick auf den zugrunde gelegten Schwierigkeitsgrad als eine Art Vorstufe, als eine elementare Anleitung zur Singleitung, als eine niedrigschwellige Einführung in die Gemeindesing­praxis.

Konzipiert sind die dargestellten Methoden und Techniken für den Einsatz in den unterschiedlichsten Zusammenhängen. Sie sind sowohl für den einmaligen Gebrauch (zu besonderen Anlässen und in einem konkreten Kontext) als auch für eine auf Dauer angelegte musikalische Arbeit mit einer spezifischen Gruppe konzipiert. Eines ihrer zentralen Anliegen ist ihre schnelle und erfolgreiche Umsetzbarkeit. Be-wusst ist der nötige Grad an musikalischer Vorbildung auf Seiten der Singenden möglichst niedrig ange­setzt, so dass die dargestellten Methoden auch ungeübte Sängerinnen und Sänger nicht überfordern.

Auch auf Seiten der Anleitenden wenden sich nicht explizit an ausgebildete Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker, sondern an all diejenigen, die sich an den verschiedensten Stellen mit der Aufgabe kon­frontiert sehen, Menschen zum und ins Singen zu bringen.

Der Name „Elementarbaukasten" ist dabei nicht nur auf die ausgewählten Methoden zu beziehen, son­dern auch auf ihre Zusammenstellung und Darstellung. Sehr konkrete praktische Hinweise stehen neben stärker reflektierenden Textabschnitten, die das eigene Tun beleuchten und neue Denkweisen anregen sollen. Der sprachliche und stilistische Duktus der einzelnen Abschnitte folgt den Intentionen der jeweili­gen Autorinnen und Autoren.

Zunächst sollen unterschiedliche Zugänge zum Singen dargestellt und an einzelnen Beispielen erläutert werden (Kapitel II). Es schließen sich einige grundlegende Gedanken zur musikalischen und inhaltlichen Vermittlung von Liedern im Allgemeinen (Kapitel III) und im Speziellen an (Kapitel IV und V). Mit dem Hören wird abschließende eine Alternative in den Blick genommen, die (nicht nur, aber auch) eine Über­legung wert sein kann, wenn das Singen aus welchen Gründen auch immer einmal keinen Ort finden kann (Kapitel VI).

Auf einen detaillierten Anmerkungsapparat und Verweise auf weiterführende Literatur soll in diesem Zu­sammenhang verzichtet werden. Gleichwohl bietet sich ergänzend zu dieser Lektüre ein Blick in die er­wähnten Bände „Singen bewegt" 1-3 an.

Zusammengestellt und konzipiert wurde der vorliegende Band von einer Arbeitsgruppe des Musikaus­schusses der Liturgischen Konferenz (Christa Kirschbaum, Sr. Dorothea Krauß, Andreas Marti, Stephan A. Reinke, Wolfgang Teichmann und Hans-Jürgen Wulf).

Hannover, im Februar 2011                                                                                         Stephan A. Reinke



x    VS 6653 | 8.00 EUR



 VS 6653 



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